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Forschung Kapitel 4

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Kapitel 4: Zukünftige Forschung in der Homöopathie

4.1. Einleitung

Nach der Einführung in die Grundlagen der Homöopathie, die Problematik ihrer Forschung und schliesslich in die Forschungsergebnisse sind wir am Punkt angelangt, wo wir zukünftige Forschungsstrategien überlegen können. Ausgangspunkt ist unseres Erachtens die Tatsache, dass die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse mit einiger Deutlichkeit gezeigt haben, dass der homöopathische Therapieansatz wirksam ist. Diese positive Einschätzung wird durch die Tatsache untermauert, dass sich die Homöopathie seit ihrer Begründung vor 200 Jahren weltweit behaupten konnte und die Nachfrage in der Bevölkerung gross ist. Hinzu kommt, dass die Homöopathie weitgehend nebenwirkungsfrei und billig ist. Es stellt sich an dieser Stelle deshalb vorerst die Frage, ob der WZW-Nachweis nicht bereits hinreichend erbracht ist und weitere Forschung erübrigt, oder allenfalls, welche Teile noch fehlen. Die Beurteilung dieser Frage hat zentrale Bedeutung für das weitere Vorgehen. Wer fällt für wen den Entscheid, ob der WZW-Nachweis für die Homöopathie mit dem vorhandenen Daten- und Forschungsmaterial nicht bereits erbracht ist? Je nach Blickwinkel dürfte die Frage unterschiedlich beantwortet werden. Erst nach Beantwortung dieser Frage können wir Adressat, Ziel und Zweck weiterer Forschungsaktivitäten genau bestimmen. Forschungsdesign und -methodik sehen völlig verschieden aus, je nachdem, ob sie sich an Gesundheitsbehörden, Oekonomen, Homöopathen, Hausärzte, klinische Pharmakologen oder medizinische Fakultäten wenden und je nachdem, wie Zweckbestimmung und Zielsetzung aussehen.
Insbesondere macht es aus unserer Sicht wenig Sinn, zu den vielen 100, wohl weit über 1000 vorliegenden experimentellen und klinischen Studien willkürlich 2 bis 3 weitere Studien, z.B. klinische Indikationsstudien, hinzuzufügen. Was wäre Sinn und Zweck davon? Wer würde sie für wen aufstellen? Wer würde sie für wen auf Grund welcher Kriterien beurteilen?

Beilage 3 (RIGHETTI 1988: S.57-63) gibt zunächst einen Ueberblick über Möglichkeiten zukünftiger Forschung in der Homöopathie mit der klaren Unterscheidung zwischen Forschung mit direktem Nutzen für die Homöopathie und Forschung zum Zweck ihrer wissenschaftlichen Anerkennung. In knapperer Form verweise ich nochmals auf meine Vernehmlassungsantwort zum PEK-Entwurf vom 8.6.99.

4.2. Ansätze zu zukünftigen Forschungsprojekten

Im folgenden stelle ich einige Forschungsmöglichkeiten aus unserer Sicht vor.

4.2.1. Aufarbeitung der bisherigen Forschung in der Homöopathie

Ausgangspunkt vor neuen Forschungsaktivitäten muss die Bestandesaufnahme und Beurteilung der bisherigen Forschungsergebnisse sein (siehe auch 3.; 4.1.). Wie erwähnt wurden die homöopathischen Forschungsergebnisse erst- und letztmals Ende der 80er Jahre einigermassen systematisch aufgearbeitet. Verschiedene andere Arbeiten haben in den letzten Jahren Teilbereiche der homöopathischen Forschung analysiert. Hunderte von Studien, v.a. neuere und solche aus dem experimentellen Bereich, wurden bisher nie zusammenfassend aufgearbeitet. Auch die alten Studien sind adäquat aufzuarbeiten und zu berücksichtigen. Als Präsentationsform kämen neben Publikationen des Materials möglicherweise auch Expertenhearings (z.B. zu Teilaspekten) in Frage. Die Aufarbeitung hat unter gleichwertiger Anerkennung homöopathischer und schulmedizinischer Kriterien zu erfolgen. Sie dient der Beantwortung der zentralen Fragen: Was fehlt überhaupt noch? Wer entscheidet und beurteilt für wen und nach welchen Kriterien, was noch fehlt?

4.2.2. Epidemiologische Feldstudien

Gut dokumentierte epidemiologische Feldstudien dienen einer verlässlichen Datenerhebung über Praxis, Wirkung (“Outcome”) und Kosten homöopathischer Behandlung in ihrer natürlichen Umgebung, d.h. wenig beeinflusst durch methodenfremde Forschungskorsetts. Eine solche Datenerhebung müsste breit erfolgen und homöopathische Besonderheiten adäquat mitberücksichtigen. Derartige Studien müssten auf dem Boden und unter Aufarbeitung bisheriger Erfahrungen und Ergebnisse, z.B. aus Deutschland, konzipiert sein und allenfalls spezielle Fragestellungen einbeziehen. Für die Evaluation der Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Homöopathie - auch der übrigen Komplementär- und der Schulmedizin - wären solche Studien bedeutsam. Aus unserer Sicht kann die Mehrheit der Krankheiten in einer Allgemeinpraxis mit ausschliesslicher oder vorwiegender homöopathischer Therapie unter grossen Einsparungen an schulmedizinischen Abklärungs- und Therapiekosten befriedigend behandelt werden. Es gibt aber im Bereich der Evaluation von Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erst wenige Arbeiten, die die Erfahrung bestätigen, dass Homöopathie als Basistherapie in der Grundversorgung zweckmässig und sehr kostengünstig ist (Literaturliste 94,61; 37,45,54,63,107)

4.2.3. Klinische Studien

Klinische Studien haben nach der Aufarbeitung der bisherigen Forschung und epidemiologischen Feldstudien erst 3.Priorität. Die Auswahl und die Kriterien klinischer Forschungsprojekte muss sich auch wieder nach den zu beantwortenden Fragen richten und wird je nachdem unterschiedlich ausfallen: Welche Ressourcen sind vorhanden? Welche Fragen sind offen? Welches Gewicht haben die z.B. 1 bis 2 weiteren Studien neben den bisherigen Fakten? Was würde aus 1 bis 2 positiven oder negativen Studien abgeleitet? Nach welchen Kriterien und mit welchem Ziel und Zweck werden die Studien durch wen und für wen aufgestellt und beurteilt?

4.2.3.a) Anwendungsbereiche und klinische Indikationen der Homöopathie mit möglicher Eignung für Studienzwecke

Allgemein lässt sich formulieren, dass die Homöopathie in der Hausarztmedizin sehr breit eingesetzt werden kann, ausschliesslich oder zusammen mit andern medizinischen Therapien. Das Indikationsspektrum kann nur homöopathisch formuliert werden: Die Homöopathie kann potenziell überall dort wirksam sein, wo die (Selbst-)Regulationsfähigkeit des Organismus (noch) stimuliert werden kann. Das Ausmass der potenziellen Wirksamkeit hängt vom Ausmass der Stimulierbarkeit des Organismus ab und ist wie in der Schulmedizin in der Regel bei relativ gesunden Patienten grösser als bei schwerkranken Chronikern. Ob unter diesen Voraussetzungen das homöopathische Arzneimittel wirksam ist, hängt allein von der richtigen individuellen Arzneimittelwahl statt. Das falsch gewählte Mittel wirkt wie ein Placebo.

Aus folgenden Gründen ist in der klinischen Homöopathieforschung der konventionelle Forschungsansatz randomisierter kontrollierter Doppelblindstudien äusserst erschwert und ungeeignet, insbesondere bei – im homöopathischen Sinn - “chronischen Krankheiten”: Die Arzneimittelwahl ist fast immer völlig individuell und beruht auf der exakten Wahrnehmung der Gesamtheit der individuellen Symptome und Besonderheiten des Patienten. Diese werden mit der Arzneimittellehre verglichen. Das den Symptomen des Patienten ähnlichste Mittel wird gewählt. Die erfolgreiche Arzneiwahl ist u.a. abhängig von Faktoren wie Beobachtungsfähigkeit des Patienten und Arztes, Erfahrung des Arztes, Güte und Eindeutigkeit der Symptome, Komplexität des “Falles” (Regulationsstörungen, mehrschichtige Pathologie etc.). Zwei Patienten mit derselben Diagnose benötigen meist nicht dasselbe Mittel. Hingegen heilt oder bessert das individuell passende Mittel bei chronischen Krankheiten neben den Haupt- auch die Nebendiagnosen und übrigen Befindlichkeitsstörungen, soweit diese regulierbar sind. Dasselbe Mittel bleibt beim Patient dann oft über viele Jahre bei gelegentlichen Rückfällen oder neuen chronischen Symptomen wirksam. Je unklarer die Mitteldiagnose ist, umso schwieriger ist die Mittelwahl, umso kleiner ist die Chance, auf Anhieb das richtige Mittel zu treffen. Das Mittel muss vielleicht mehrmals gewechselt werden, vielleicht findet man das richtige Mittel gar nicht. Als weitere Schwierigkeit ist die Wirkdauer der Mittel ebenfalls individuell: Wenn beim Kontrolltermin einer chronischen Krankheit das Mittel noch wirksam ist, kann die Wirkung einige Tage später abklingen – unabhängig von den fixen Kontrollintervallen in normierten Studien. Weitere Schwierigkeiten bieten z.B die notwendige Beachtung von hierarchischen Krankheits- und Symptomenebenen in der Homöopathie (Hering’sche Regel, Wertigkeit der Symptome). Aus den genannten Gründen ist adäquate Untersuchungsmethode in der Homöopathie die Einzelfallstudie an genügend grossen Patientenzahlen und bei “chronischen Krankheiten” über genügend lange Zeit.

Die folgenden klinischen Anwendungsbereiche sind aus den genannten Gründen zum Teil willkürlich. Sie sprechen, entsprechend der von der PEK-Leitung gestellten Aufgabe, bei korrekter Mittelwahl oft besonders gut auf die Homöopathie an. Ihre Eignung hängt auch von der Wahl des Studiendesigns und den vorhandenen Ressourcen ab. Zum Teil sind homöopathische Kriterien, z.B. Einlasskriterien zur Normierung und Reduktion des Aufwands, mitberücksichtigt (vgl. auch Beilage 3):

I. Beispiele akuter klinischer Anwendungsbereiche
- Akute (rezidivierende) Streptokokkenangina / Angina tonsillaris, Scharlach mit Exanthem
- Akuter grippaler Infekt mit Aconit-(und/oder Belladonna-)Bild
- (Rezidivierende) akute Otitis media (ev. Ausschlusskriterium: ausgeprägte mechanische Ursache)
- Akute Cystitis mit Cantharis-(ev. Sarsaparilla-)Bild
- Mittelschwere Insektenstich-Allergie oder “Anfälligkeit” (ohne anaphylaktische Reaktionen), mit Ledum.
- Prophylaxe bzw. Frühtherapie von Zeckenkrankheiten: Die einzige der hier erwähnten Studien mit möglicherweise direktem epidemiologischen Nutzen und Sinn für den Patienten und den Fortschritt der Homöopathie. Wir vermuten, dass die frühe Gabe eines Mittels (Ledum) das Auftreten von Folgekrankheiten nach Zeckenbiss verringern kann, haben aber keine Beweise dafür. Ein positives Ergebnis hätte u.U. grosse epidemiologische Bedeutung, die Rekrutierung von Patienten und die Behandlung wäre wohl einfach und sogar in kontrollierten Blindstudien möglich. Nachteil: Falls der WZW-Nachweis stark von dieser Studie abhängen sollte, wäre der Unsicherheitsfaktor zu gross.
- Akute bis subakute Angstreaktion nach Schrecktrauma bei fehlender (oder nur minimaler) vorbestehender Angstkrankheit, mit/ohne psychosomatischen Folgen, mit Aconit-(ev. Opium-)Bild.
- Traumatologie: Weichteilverletzungen mit Arnica-Bild, z.B. bei Muskelquetschungen, traumatischer Geburt, traumatischer Zahnextraktion, 100km-Lauf. Es gibt hier eine Reihe von früheren Studien. Problem: Normierung des Traumas bzw. Matching. Normierte artifizielle Quetschung (CAMPBELL 1976) ist vielleicht eine Möglichkeit, verändert allerdings die psychosomatische Begleitreaktion (Artefakt).
Evtl. weitere Möglichkeiten: traumatische Nervenläsionen (Hypericum), Gelenksdistorsionen und Muskelzerrungen unter Rhus-Bild.
- Subakute bis akute Gastropathie mit Nux vomica-Bild.

II. Beispiele chronischer klinischer Anwendungsbereiche
Die obigen Vorbemerkungen (4.2.3.a) gelten hier in besonderem Mass.
- Neurologie: Kopfschmerzen, Migräne
- Allergologie: Asthma bronchiale
- Rheumatische Erkrankungen: z.B. leichter bis mittelschwerer Morbus Bechterew
- Gynäkologisch-geburtshilfliche Studien: Prämenstruelles Syndrom, Dysmenorrhoe und Zyklusstörungen (ohne organische Ursache). Evtl. Wiederholung früherer geburtshilflicher Studien.
- Infektiologie: Borreliose: Restsymptome nach adäquater Antibiotikatherapie. Reaktion auf Ledum? Anschliessend individuelle Behandlung, falls Reaktion ungenügend.
- Dermatologie: Chronische Hautkrankheiten: Leichte bis mittelschwere Neurodermitis / seborrhoische Dermatitis u.ä., chronische/häufig rezidivierende Urticaria. Ein origineller Ansatz findet sich bei SCHWAB (1989).
- Reproduktion früherer positiver Wirksamkeitsnachweise (mit Zerrformen der Homöopathie, vgl. 3.2.), beispielsweise
Heuschnupfen-Studie von REILLY et al. 1986,
Geburtshilfliche Studien und Sterilität (siehe 3.2.; HOCHSTRASSER/MATTMANN 1994),
Senfgasstudie (PATERSON 1943).

4.2.3.b) Adaptation der Forschungsmethodik

Wie mehrfach betont, eignet sich die kontrollierte randomisierte Doppelblindstudie zur Erforschung komplexer psychosomatischer Phänomene, wie sie in einer homöopathischen Behandlung vorkommen, schlecht (KIENE 1993/94, HORNUNG 1996). Der Zwischenraum zwischen diesem Standardansatz der Schulmedizin und der zur Homöopathie passenden, aber wenig anerkannten Einzelfallstudie, ist auch heute noch dünn besiedelt. Wir stehen vor grossen Operationalisierungs-problemen, wie der erfahrene Homöopathieforscher WALACH (1994) feststellt. Sie zeigen sich auch in der übrigen Komplementärmedizin, in der Psychosomatik und Psychotherapie, ja sogar in der Schulmedizin, wo – entgegen gängiger Auffassung – nur ein kleiner Teil der Therapien wissenschaftlich einwandfrei untersucht ist (siehe HEUSSER 1998: Kriterien zur Beurteilung des Nutzens von komplementärmedizinischen Methoden, zH Bundesamt für Sozialversicherung / ELK, S.6).

Als unvollständige und nicht immer konforme Ideen möchte ich im Folgenden einige Möglichkeiten der Anpassung des Designs an den speziellen Forschungsgegenstand (Homöopathie, Komplementärmedizin) erwähnen. Die Auswahl der Methode muss sich auch hier nach der Fragestellung (Ziel, Zweck) und dem Adressaten ausrichten.

I. Retrospektive Verlaufsstudie (Fallpräsentation, Outcome-Studie)
Eine hinreichend grosse Zahl mittel- bis schwerer chronischer Krankheitsfälle, die zuvor nicht geheilt oder ungenügend behandelt geblieben sind, werden retrospektiv nach homöopathischer Behandlung untersucht. Die Darstellung könnte die Form einer retrospektiven Studie, aber auch der Fall- oder Patientenpräsentation vor einem Gremium annehmen und eine breite Auswahl oder alle Diagnosen umfassen. Damit würde auf unkonventionelle Art die reale Praxisbewährung der Homöopathie (WZW-Nachweis) im Sinne von “soft facts” belegt. Aus langjähriger Erfahrung als Homöopath weiss ich, dass sich die Einstellung von Schulmedizinern der Homöopathie gegenüber stark verändert, wenn sie an Patienten die Wirksamkeit der Homöopathie im Sinne eines Erfahrungsbelegs miterleben können. Einzig mit einer solchen Studie wären auch die Möglichkeiten der Homöopathie bei schwereren chronischen Krankheiten zu belegen. Bei andern Studiendesigns würden solche Fälle wohl weggelassen, weil die Heilungschancen (z.B. bei einer chronischen Psychose) im Durchschnitt geringer sind als bei oberflächlicheren Krankheiten.

II. Prospektive Einzelfallstudien (Outcome studies, Versorgungsstudien)

Breit angelegte prospektive Verlaufsstudien/-dokumentationen werden in den letzten Jahren, v.a. in Deutschland, gleich mehrere durchgeführt. Die Uebergänge zur epidemiologischen Feldstudie sind dabei fliessend und mehrere Studiendesigns sind – mit jeweiligen Vor- und Nachteilen – prinzipiell möglich. Ziel ist dabei in der Regel nicht so sehr ein strenger Wirksamkeitsnachweis bei einer bestimmten Krankheit, sondern eine breite Datenerhebung, Untersuchung und Evaluation des Gesamtsystems Homöopathie (oder einer anderen Methode) in natürlicher Umgebung in Bezug auf relevante Faktoren für die Gesundheit und Gesundheitspolitik: zum Beispiel Effekte, Nutzen für Haupt-/Nebenleiden und Gesamtgesundheit, Nebenwirkungen/Sicherheit, Patientenzufriedenheit, Lebensqualität, direkte und indirekte Kosten. Der Vorteil derartiger prospektiver Verlaufsstudien ist die praxisnahe Datengewinnung (hohe sog. externe Validität). Die Methode wird als Ganzes im realen Praxiskontext ohne experimentelle Veränderung der Interventionen (homöopathische Behandlung) untersucht.
Bei chronischen Krankheiten sind für solche prospektive Studien genügend grosse Patientenzahlen über genügend lange Zeit zu fordern (z.B. 500 zuvor ungeheilte Fälle über 3 Jahre), entweder unter Zulassung aller Diagnosen oder unter Einschränkung auf einige breite Indikationsgebiete. Die Ein-, Ausschluss und Beurteilungskriterien (4.2.3.c) wären je nach Untersuchungsziel zu bestimmen, unter adäquater Berücksichtigung homöopathischer Gesichtspunkte.

Die folgenden Beispiele aktueller grossangelegter multizentrischer prospektiver Beobachtungsstudien im Bereich der Versorgungsforschung mit zum Teil über 1000 Patienten beinhalten etwas unterschiedliche Untersuchungsmethoden und Ziel-Schwerpunkte:
- Das Erprobungsverfahren der Innungskrankenkassen (IKK) zu Homöopathie und Akupunktur (Walach et al., Deutschland): Effektivität, Kosten-Nutzen.
- Die grosse Verlaufsbeobachtungsstudie von Witt, Willich et al. in Deutschland: Effektivität, Qualitätssicherung.
- Das Modellprojekt der Innungskrankenkassen Hamburg von Witt, Willich et al.: Effektivität bei chronischen Krankheiten, Kosten-Nutzen-Effekt.
- Der Modellversuch nach dem deutschen Sozialgesetzbuch von Moebus et al.: Eine retro- und prospektive Datenerhebung über Wirkung, Kosten.
- Die Wisdoc-Studie von König in Oesterreich: Wirkung, Qualitätssicherung.
- Die norwegische Studie von Steinsbekk: Effektivität.
- Die internationalen IMDCN(Integrative Medicine Dat Collection Network)-Studien von Fischer, Haidvogl, Heger, Riley et al.: Effektivität, Kosten-Nutzen, Qualitätssicherung;
die “IIPCOS-Studie” dieser Gruppe über die Wirksamkeit bei 6 Akutbereichen.
- Die IDCCIM (International Data Collection Centres for Integrative Medicine)-Studien von Reilly et al. in Glasgow: Wirkung, Qualitätssicherung.
- Die europäische SOCHOM-Studie (Koordination: van Wassenhoven): Effektivität, Kosten, Sicherheit.

Die bis heute vorliegenden Zwischen- und Schlussergebnisse aus diesen Studien sind aus homöopathischer Sicht alle erfreulich, kritisiert werden aber die zum Teil fehlenden oder mangelhaften Kontrollgruppen. Das ist eine wichtige und schwierige Frage: Ohne Vergleich mit einer Kontrollgruppe ist die sogenannte interne Validität der Studie aus Forschersicht kleiner als mit Vergleichsgruppe. Historische Kontrollgruppen aus der Literatur oder nur intraindividuelle Vergleiche (der selben Patienten vor und nach homöopathischer Behandlung) geniessen in Forscherkreisen weniger Vertrauenswürdigkeit als externe Kontrollgruppen. Die heikle Forschungsfrage lautet: also: Wie kann man in einer Studie strenge schulmedizinische Verlässlichkeitskriterien (randomisierte kontrollierte Studie) auf die Homöopathie anwenden, ohne die homöopathsche Behandlung durch ein störendes Design zu behindern? Eine Möglichkeit besteht vielleicht im kontrollierten Langzeitvergleich der Gesamtbehandlung von 2 grossen Patientenkollektiven durch homöopathische versus schulmedizinische Hausärzte.


III. Randomisierte kontrollierte Doppelblindstudien
Wie bereits ausführlich dargestellt wurde, sind Aufwand und Komplexität dieses Studiendesigns bei individueller homöopathischer Behandlung von chronischen Krankheiten bzw. Langzeitverläufen extrem gross. Auch die homöopathische Intervention wird dabei zwangsläufig verändert. Je nach Anwendungsgebiet und Fragestellung sind solche Ansätze allenfalls noch in beschränktem Umfang bei Akutkrankheiten und in artifiziellen Designs (z.B. standardisierte Therapie) denkbar.

4.2.3.c) Spezielle homöopathische Kriterien

Neben üblichen Kriterien aus der klinischen Pharmakologie sind – abhängig vom gewählten Studienprojekt – spezielle homöopathische Kriterien zu überprüfen und allenfalls zu berücksichtigen. Hier eine sicher noch unvollständige Liste solcher möglicher Kriterien.

Einschlusskriterien:
- Homöopathische Vorabklärung vor Studienbeginn/Mittelgabe über die “Eignung” des Patienten (fehlende Ausschlusskriterien, intakte Regulationsfähigkeit, evtl. genügende Symptomenqualität), Prä-Selektion der homöopathischen Mittel.

Ausschlusskriterien:
- Mögliche Störfaktoren und Antidote: starke oder viele Allopathika; andere invasive Begleittherapien; Anwendung starker ätherischer Oele; Konsum bzw. Missbrauch von Drogen, Kaffee, Alkohol; operative Eingriffe/Zahnarzt/Injektionen etc.; physikalische Einflüsse (Ultraschall, Elektrotherapie, Radiographie, Radiotherapie etc.)
- Schwere kompromittierende Begleitkrankheiten (inkl. hierarchisch “höheren” Krankheiten gemäss Hering’scher Regel), potenzielle Regulationsblockaden (z.B. Zahnwurzelabszesse, nicht saniertes Gebiss, hohes Alter), starke psychosoziale Stressfaktoren
- Mangelnde Kooperation und sprachliche Ausdrucksfähigkeit.

Beurteilungs- und Verlaufskriterien:
- Bei “chronischen” Krankheiten: Beurteilung aller Haupt- und Nebendiagnosen inkl. Befindlichkeitsstörungen (Gesamtheit der Symptome unter Berücksichtigung der Hering’schen Regel), Nebenwirkungen, Auftreten und Verlauf interkurrenter Erkrankungen
- Patientenbeurteilung: subjektives Befinden, Gesundheits- und Lebensqualität, Zufriedenheit
- Arztbeurteilung: Gesamtbeurteilung inkl. homöopathischer Kriterien (evtl. 2 Aerzte), Mittelwahl korrekt?
- Verbrauch von Allopathika, Berücksichtigung von Begleittherapien
- Behandlungskosten (für Haupt- und Nebendiagnosen im Gesamtverlauf, Diagnostik und Laborkontrollen, Beizug von Spezialisten, Medikamente, Nebenwirkungen). Integrale Kosten-Nutzenanalyse: Einfluss auf soziale Kosten, Lebensprobleme, Ernährung (mittel- und langfristige Auswirkungen ganzheitlicher Therapie und Prophylaxe): Messmethodik?

Ressourcen:
Bei der Forschungsplanung sind die Rekrutierung von Finanzen, Patienten und qualifizierten Homöopathen sowie eine geeignete Forschungsinfrastruktur zu berücksichtigen.



Literatur

Die beiliegende Literaturliste (Beilage 4) stammt aus HALTER/RIGHETTI 1998/99: Klassische Homöopathie (Teil 1-3) – Zum Nachweis einer komplementärmedizinischen Methode, Schweiz. Zschr. Ganzheitsmedizin, Literaturliste in Teil 3, Heft 1/1999. (Ebenso in: HALTER/RIGHETTI 1997: Nachweis des Nutzens von komplementärmedizinischen Methoden: Klassische Homöopathie, zuhanden der Eidg. Leistungs- und Arzneimittelkommission des Bundesamtes für Sozialversicherung BSV.)

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Autor: Jenni -- 17.07.2008; 18:16:42 Uhr

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